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EASy – live! Ein Erfahrungsbericht über den Einsatz einer Ermittlungssoftware

12.03.2007 - Nicht zum ersten Mal beschäftigt sich "Der Kriminalist" mit der Software EASy . Jedoch soll in diesem Artikel nicht die Produktbeschreibung im Vordergrund stehen, sondern die Erfahrungen, die in ihrem Einsatz gewonnen wurden.

Ermittlungsbeamte aus dem gesamten Bundesgebiet und darüber hinaus wenden sich an das Bayerische Landeskriminalamt und wollen Informationen zu diesem System erhalten. Weil der Fundus mit all den bestehenden Konzepten wie Fachfein-, Technisches-, Datenschutz-, Berechtigungs- und Betriebskonzept u. v. m. riesig ist, besteht meist der Wunsch nach einem zusammenfassenden Dokument. Da ein typischer Erfahrungsbericht, wie wir ihn aus dem polizeilichen Einsatzgeschehen kennen, im Rahmen des Projektmanagements und auch für die Sicherung des Betriebes der Software nicht erforderlich war, bestand bisher keiner. Dies soll sich hiermit ändern.

Wie alles begann ….

In der zweiten Hälfte der 90-er Jahre (natürlich vor- und nachher auch) wurden in Bayern (natürlich woanders auch) mehrere sehr große und komplexe Ermittlungsverfahren geführt, die unter den Namen ihrer Sokos bzw. Ermittlungsgruppen wie "Mozart" oder "Goldfisch" bekannt wurden. Aufgrund der sich aufdeckenden Täterstrukturen, Firmengeflechte, Finanzströme und vor allem der gigantischen Menge an sichergestelltem Schriftgut ergab sich das Bedürfnis, eine ermittlungsunterstützende Software einzusetzen. Es war die Zeit der Eigenentwicklungen und Nischenprodukte. Sowohl im Bereich der Polizeien der Länder und des Bundes als auch bei den Ermittlungsbehörden Steuer- und Zollfahndung der Finanz wurden verschiedenste Produkte mehr oder weniger erfolgreich zum Einsatz gebracht. Meist waren es Eigenentwicklungen, die mit Standartsoftware wie z. B. MSAccess© von findigen Kollegen sehr "kundengerecht" entwickelt wurden. Der Nachteil bestand bei all diesen Lösungen darin, dass die erfassten Daten nur einem eingeschränkten Benutzerkreis zur Verfügung standen und die Datenmodelle und Verarbeitungsregeln absolut unterschiedlich und damit inkompatibel waren.

Vor allem aus dem Kreise der Dienststellen zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität der Polizeipräsidien und des Bayerischen Landeskriminalamtes kam die Initiative, mittels eines Grobkonzeptes die grundsätzlichen Anforderungen für eine Ermittlungs- und Auswertesoftware zu erarbeiten. Ein ungewöhnlicher Faktor brachte dann den Stein endgültig ins Rollen. Der Bayerische Landtag beauftragte die Bayerische Staatsregierung, eine effiziente Software zur Verbrechensbekämpfung im Bereich komplexer Ermittlungen einzuführen. Dies war die Geburtsstunde der Projektgruppe EASy, die im Herbst 2000 beim Bayer. Landeskriminalamt eingerichtet wurde. In einem Fachfeinkonzept wurden die bereits grob formulierten Anforderungen der kriminalpolizeilichen Sachbearbeitung dokumentiert. Dies diente später als Grundlage für ein Leistungsverzeichnis einer europaweiten Ausschreibung. Diese Anforderungen wurden in einer Vielzahl von Workshops mit Sachbearbeitern aus den verschiedensten kriminalpolizeilichen Bereichen von OK bis Wikri, von Rauschgift bis höchstpersönliche Rechtsgüter von TKÜ bis Spurenbearbeitung erarbeitet. Auch wenn dies Überzeugungsarbeit erforderte, so waren die Kollegen auch bereit, bei Geschäftsprozessanalysen und -optimierungen mitzuwirken. All dies floss in die zu erstellenden Konzepte ein. So entstanden nach und nach die für die Einführung einer Landesanwendung erforderlichen Dokumente und Konzepte. Nach wenigen Monaten war davon eine Vielzahl von Ordnern gefüllt.

Bei dem Vorgang der Ausschreibung selbst wurde die Projektgruppe sowohl von der Beschaffungsstelle als auch von einer externen Beraterfirma unterstützt. Letztere war vor allem dafür verantwortlich, dass die rechtlichen Gegebenheiten einer europaweiten Ausschreibung eingehalten werden. Der Fokus lag dabei auch in einer objektiven Produktauswahl und ein Zuschlag nach der Angebotsabgabe basierend auf vorher festgelegten und nachvollziehbaren Kriterien.

Nach der Beschaffung geht's eigentlich erst richtig los ….

Obwohl bis zum Zuschlag für ein Produkt mit Sicherheit viel Vorarbeit zu leisten ist, sind die Aufwände nach der Beschaffung ungleich höher. Wer also meint, eine Projektgruppe nach der Beschaffung auflösen zu können, "weil ja damit der Regelbetrieb beginnt", sollte aufmerksam weiter lesen. Zunächst bedurfte es allerdings eines Präsidenten des LKA mit Mut und Fortschrittsdenken, der bereit war, mit seiner Unterschrift für mehr als drei Millionen Euro ein EDV-System zu beschaffen, das es bisher europaweit noch nicht gab und von dessen Erfolg man sicherlich zu diesem Zeitpunkt nicht überzeugt sein konnte. Herrn Polizeipräsident a. D. Heinz Haumer sei auf diesem Wege nochmals herzlich gedankt.

Nach nahezu einjähriger Tätigkeit der Projektgruppe EASy, im August 2001 wurde zwischen dem Freistaat Bayern und der rola Security Solutions GmbH, Oberhausen, der Vertrag zur Beschaffung von rsCASE® geschlossen. Im Anschluss daran wurde die Software an die Bedürfnisse der bayerischen Polizei angepasst. Bereits im November desselben Jahres begann der Pilotbetrieb bei drei ausgewählten Kriminalpolizeidienststellen. Die Entscheidung, sich für den Rollout fast ein ganzes Jahr Zeit zu nehmen, war zur damaligen Zeit absolut richtig. Das Produkt bedurfte immer wieder fachlicher Anpassungen. Aber auch die Organisation musste vereinzelt dem Produkt angepasst werden, vor allem um die Geschäftsprozesse zu optimieren. Auch wenn man sich in der Konzeptphase noch so viele Gedanken macht, die wahre Bewährungsprobe für die Software kommt erst im Echteinsatz.

Den Startschuss gab der Staatsminister höchstpersönlich ….

Im Rahmen einer Pressekonferenz am 11. August 2003 stellte der Staatsminister des Innern, Dr. Günther Beckstein, die Software der Öffentlichkeit vor. Er hob dabei die Vorreiterrolle Bayerns im Bereich der Verbrechensbekämpfung mit Hilfe von komplexen EDV-Systemen hervor. Der Minister wörtlich: "Getreu dem Motto "Fachkompetente Kriminalisten plus leistungsfähige EDV-Technik führt zu einer erfolgreichen Verbrechensbekämpfung!" wollen wir mit diesem System unserem Ruf als Marktführer in der Inneren Sicherheit erneut gerecht werden….Mit EASy steht unseren Ermittlern jetzt ein in Deutschland einzigartiges Instrument zur Verfügung, um das uns - wir mir unsere Fachleute berichtet haben - die Polizisten anderer Länder bereits sehr beneiden."

Mit diesen Vorschusslorbeeren reichlich ausgezeichnet, wurde der Erfolgsdruck nicht geringer. Jedoch war drei Monate nach dieser Pressekonferenz die Software Bayern weit eingeführt und damit begann ein neues Kapitel der EASy-Story.

Betriebsstrukturen müssen wachsen ...

Am 26. November 2002 war EASy / rsCASE® "ausgerollt". In über 60 Dienststellen arbeiten seither ca. 4500 (Kriminal)Polizeibeamte mit dem System.

Parallel zur Einführung wurden die Betriebsstrukturen aufgebaut. Neben dem Support, der sich in drei Levels 1. Level - Lokale Administration 2. Level - Zentrale Administration im BLKA 3. Level - Herstellerfirma gliedert, musste in etlichen Bereichen ein fachlicher und technischer Betrieb geschaffen werden. Es handelt sich bei EASy um ein äußerst dynamisches System. Täglich entstehen durch die Erfassung der Kollegen, aber auch durch Automatismen und Schnittstellen (Überwachung der Telekommunikation, Anschlussinhaberfeststellung u.v.m.) enorme Mengen an Daten. So ergaben sich nach und nach Zuständigkeiten im Bereich Datenbanken, Netzwerktechnik, Fehlermanagement, TKÜ, IT-Sicherheit usw. Koordiniert wird dieser technische Betrieb von einem sog. EASy-Supportteam, dass bei der Abteilung Versorgung des BLKA angegliedert ist. Aber auch die IT-Abteilung des BLKA und die lokalen Administratoren der Polizeipräsidien und -direktionen tragen zum inzwischen reibungslos verlaufenden Betrieb von EASy bei.

State of the art

Bereits in der Vergangenheit gab es landesweite Anwendungen, die vor allem auf Grund ihrer fachspezifischen Ausprägung durchaus Akzeptanz genossen. Allerdings ereilte diese Anwendungen irgendwann das Schicksal der fachlichen und vor allem der technischen Überalterung. Im technischen Bereich bezog sich dies auf die Datenbank, die Programmiersprache und die Abhängigkeit von Betriebssystemen. Bereits in der Ausschreibung wurde deshalb für EASy eine entsprechende Unabhängigkeit und "Aufwärtskompatibilität" gefordert. Obwohl EASy ein enorm junges System ist, war zwischenzeitlich eine Migration im Bereich Datenbank von Oracle Version 8 i auf derzeit 10 g, im Bereich Betriebssystem und im Bereich der Javaversion erforderlich. Diese Migrationen wurden problemlos und vor allem für die Sachbearbeiter unbemerkt und damit für ihn nicht störend durchgeführt. Ergeben sich neue fachliche Anforderungen, so werden diese im Rahmen der Releaseplanung sehr zeitnah umgesetzt.

Wie sag ich's dem Kollegen?

Die Ausbildung der User wurde ebenfalls in der Phase des Roll-out organisiert und durchgeführt. Man hatte sich dazu eine Art Schneeballsystem erdacht. Von einem sehr kleinen Personenkreis (Projektgruppe) wurden so genannte Trainern (meist zwei Beamte aus den Präsidien) ausgebildet, diese wiederum bildeten die so genannten Verfahrensbetreuer aus, die wiederum die Enduser schulten. Für die Erstausbildung war dies ein durchaus praktikables Prinzip. Allerdings war es damit bei weitem nicht getan. Zwischenzeitlich wurde ein sehr heterogenes Programm an Aus- und Fortbildung entwickelt. " EASy ist Bestandteil des Lehrstoffes für das Studium an der Beamtenfachhochschule. " Es gibt eigene Seminare am Fortbildungsinstitut zur Ausbildung von Verfahrensbetreuern. " In vielen Speziallehrgängen (OK, Tötungsdelikte, Kommissionsarbeit) ist EASy fester Programmteil. " Die Polizeipräsidien und das BLKA führen immer wieder Teilbeschulungen mit Schwerpunkten wie TKÜ- oder Spurenbearbeitung, Hinweisaufnahme usw. durch.

Durch den Einsatz dieses komplexen Ermittlungssystems wurde die kriminalpolizeiliche Arbeit in gewisser Weise "revolutioniert". Zum Handwerkszeug eines Kriminalbeamten kam der professionelle Umgang mit komplexer EDV hinzu. Es hat sich gezeigt, dass die Kolleginnen und Kollegen absolut lernwillig und -fähig sind, sie sind oft zu viel mehr im Stande, als ihnen von Vorgesetzten zugetraut wird. Der Satz: "Das kann man einem (älteren) Mitarbeiter nicht zumuten" kann getrost gestrichen werden. Es gibt dafür einen sehr viel schöneren, den ein Dezernatsleiter beim Polizeipräsidium München vor kurzem äußerte und der eigentlich alles aussagt: "Einer meiner besten EASy-Spezialisten geht in Pension".

Es werden immer mehr …..

War es in der Konzeptphase vor allem der Bereich Organisierte Kriminalität, für den die Ermittlungssoftware gedacht war, so haben sich die Einsatzgebiete schon während der Einführung und vor allem kurz danach erheblich verbreitert. Schließlich wird EASy jetzt in allen kriminalpolizeilichen Phänomenbereichen und zum Teil auch in typischen Bereichen der Schutzpolizei wie Grenzfahndung eingesetzt.

In nahezu allen kriminalpolizeilichen Bereichen stand am Anfang die Migration. Selbstverständlich war das Bedürfnis, die Ermittlungen mit Software zu unterstützen bereits vor der Einführung von EASy vorhanden und wurde durch die oben genannten Produkte befriedigt. Die in diesen Lösungen vorhandenen Daten galt es zu übertragen. Obwohl rsCASE® enorm komplexe Importmöglichkeiten bietet, die sicherlich ihres Gleichen suchen, ist die Migration von stark textbasierten veralteten Datenbanken aufwändig. Auch die ein oder andere manuelle Bearbeitung ist erforderlich. Es ist halt schwierig, aus Prosatexten eine "ereignis- und quellenorientierte, bewertete und strukturierte Erfassung" zu generieren. Allerdings haben sich in dieser Phase wahre "Spezialisten" herauskristallisiert, die vor allem in der Vorbereitung der Migration, bei der Datenaufbereitung mit Standardwerkzeugen wie MS Excel wahre Meisterwerke vollbrachten. Durch die Möglichkeit in EASy, ganze Strukturen mit vorbereiteten Importschemata zu importieren, war die eigentliche Migration dann der eher leichtere Teil. So wurden nach und nach zunächst die Bayern weit vorhandenen Zentraldateien für Organisierte Kriminalität, Rauschgift, Kfz-Verschiebung und Innere Sicherheit usw. und dann die regionalen und einzelfallbezogenen Dateien migriert.

Ein einheitliches Datenmodell …

Eine der interessantesten Erfahrungen mit EASy war "die Sache mit dem Datenmodell". Die Aussage, dass man für die verschiedenen kriminalpolizeilichen Phänomene verschiedene Datenmodelle in den EDV-Anwendungen für die Fallbearbeitung benötigt, wurde nämlich gründlich widerlegt. Darüber hinaus stellte sich heraus, dass nämlich genau das Gegenteil der Fall ist: Verschiedene Datenmodelle sind absolut hinderlich für die konstruktive Fallbearbeitung. Wird bei veralteten Ansätzen der Vorteil gepriesen, dass man für jeden Fall ein spezielles Datenmodell generieren könne, muss man akzeptieren, dass man sich damit in eine Nische begibt und bei der Bekämpfung der Kriminalität das Prinzip "Turmbau zu Babel" anwendet. Verschiedene Datenmodell sind zueinander inkompatibel und ein Datenaustausch ist entweder höchst aufwändig oder unmöglich. Mit EASy arbeiten die Kollegen im Bereich OK mit demselben Datenmodell wie die Kollegen im Bereich Staatsschutz, im Bereich Wirtschaftskriminalität mit demselben wie die im Bereich Rauschgift. Erst dadurch können Synergien entstehen und Zusammenhänge erkannt werden. Der Nachteil, dass das Datenmodell nicht speziell dem Phänomen angepasst wurde, besteht nicht. Durch spezielle Sichten, Rechte, Funktionen und Masken wird das generelle Modell auf die Ansprüche der Spezialisten "getrimmt".

Das einheitliche Datenmodell mit einer durchgängig gleichen Datenstruktur und Erfassungsrichtlinien wirkt sich nicht nur innerhalb Bayerns aus. Auch im Austausch mit anderen Bundesländern und den Bundesanwendungen schafft dies enorme Vorteile und bietet die grundsätzliche Voraussetzung für den Datenaustausch und automatisierte (Online)Schnittstellen.

Wie in einem Cockpit …

EASy ist ein integratives System und der Sachbearbeiter sitzt an seinem Standardarbeitsplatz der bayerischen Polizei und bedient ein einziges System. Es bedurfte einiger argumentativer Anstrengungen, um zum Beispiel die Vorteile der Integration der TKÜ-Daten einem TKÜ-Spezialisten zu verdeutlichen. Heute hegt niemand mehr ernsthaft Zweifel an der Richtigkeit dieser Integration. Es ist egal, aus welcher Quelle (TKÜ, Anschlussinhaberfeststellung, Funkzellen, INPOL, Observation, Vernehmung usw.) die Daten stammen. In einer Datenbank miteinander in Beziehung gesetzt, stehen sie zur Ermittlung, Recherche, Auswertung und Analyse zur Verfügung. Die Werkzeuge zum Erlangen der Daten sind als Tools und Komponenten der Gesamtanwendung EASy mit einem einheitlichen "Look & Feel" entsprechend integriert. Es sind die Tools für die Bearbeitung der TKÜ, der Anschlussinhaberfeststellung, der Hinweis- und Spurenbearbeitung, der Asservatenverwaltung voll integriert. Mittels sogenannter bidirektionaler online Schnittstellen sind Werkzeuge wie Analyst´s Notebook oder VLV , Datamining mit InfoZoom, GIS-Systeme, aber auch INPOL-Z zur Fahndungsabfrage, Halterfeststellung usw. angebunden.

Die Anzahl der Schnittstellen zu EASy wächst ständig. Dabei ist eine Schnittstelle zum Vorgangsbearbeitungssystem (in Bayern IGVP) die von den Sachbearbeitern am dringendsten geforderte. Leider musste die Realisierung dieser Schnittstelle bisher aus den verschiedensten Gründen immer wieder verschoben werden. Eine Realisierung wurde nunmehr in drei Phasen konzipiert. Die erste Phase der Abfrage im VBS aus EASy und die Übertragung der Vorgangsgrunddaten aus IGVP nach EASy wird gerade implementiert. Etwas weiter ist man im Bereich der Schnittstellen zu den Verbunddateien. Neben der bereits bestehenden Schnittstelle zu INPOL-Z wurden 2006 eine Verbindung zu INPOL-F BAO und INPOL-F Ceska hergestellt. Ganz aktuell wird zusammen mit dem Bundeskriminalamt und dem Bundesland Rheinland-Pfalz die Schnittstelle zur Antiterrordatei realisiert. Im Zuge einer zunehmenden Harmonisierung der INPOL-Fall-Anwendungen wird die Anzahl der Schnittstellen aus dem Landesfallsystem sprunghaft steigen.

Die großen Verfahren

"In Bayern wird bei der Kriminalpolizei jedes komplexe Verfahren mit EASy bearbeitet." Das heißt im Umkehrschluss, dass es neben EASy keine EDV-Anwendung zur Fallbearbeitung mehr gibt. Derzeit werden insgesamt ca. 4000 Fälle oder Fallkomplexe im System gehalten. Die Anzahl der Daten weist immer noch enorme Steigerungsraten mit bis zu 100 Prozent pro Jahr auf. Dies deutet zum einen auf eine sehr hohe Akzeptanz beim Sachbearbeiter hin, zum anderen bekräftigt es die Erfordernis eines solchen Systems. Die große Anzahl erfasster Ereignisse und Quellen deutet auch auf eine hohe Datenqualität hin. Diese wird durch Datensicherungsmaßnahmen und ständige Qualifizierung der Mitarbeiter gewährleistet.

Aus diesen 4000 komplexen Verfahren ragen einige natürlich deutlich hervor, meist weil sie entsprechend öffentlichkeitswirksam sind. Eine besondere "Beziehung" zu EASy haben dabei die Fälle "Moshammer" und "Bosporus". Der Fall der Ermordung des Münchner Modezaren war für EASy die Bewährungsprobe für den Bereich Sokoarbeit. Mehr als 100 Beamte waren in dieses Verfahren involviert. Aufgrund der enormen Medienpräsenz war das Hinweis- und Spurenaufkommen innerhalb sehr kurzer Zeit erheblich. Schon nach kurzer Zeit zahlte es sich aus, dass hier absolute "Sokoprofis" am Werk waren. Die Zusammenarbeit mit der Projektgruppe EASy war vorbildlich und der Einsatz von EASy wurde schulmäßig durchgeführt. Von der Hinweisaufnahme, über die Spurenbearbeitung, Importe, TKÜ-Bearbeitung, Funkzellenauswertung, Integration der Ergebnisse der Vernehmungen bis hin zur Auswertung und Analyse wurde erstmals in so einem großen Verfahren alles in einem System durchgeführt. Der Erfolg gab dabei den Protagonisten recht.

Eine Mordserie an türkischen Kleingewerbetreibenden mit bisher neun Opfern hat für traurige Schlagzeilen gesorgt. Mit einem bisher selten da gewesenem Aufwand wird gegen den oder die Täter ermittelt. Gigantische Datenmengen gilt es zu bewältigen. Da sich die Tatorte über das gesamte Bundesgebiet erstrecken, ist eine Zusammenarbeit mehrerer Bundesländer und des Bundeskriminalamtes erforderlich. Dieses Verfahren, welches unter den Namen "Ceska" und "Bosporus" bekannt ist, war eine weitere Herausforderung für EASy. Die Leitung der "BAO Bosporus" hat sich für den Einsatz dieses Systems entschieden. Bundesweit wird seither an einem gemeinsamen Datenbestand operativ gearbeitet. Es wurde eine eigene Schnittstelle zur Verbunddatei "Ceska" entwickelt, damit die Daten auch für nicht unmittelbar beteiligte zur Recherche zur Verfügung stehen. Die PG EASy wurde auch in diesem Verfahren unmittelbar einbezogen und vor allem im Bereich der Beratung der BAO und des Polizeiführers tätig. So wurden entsprechende fachliche und auch technische Strukturen aufgebaut. Die Ermittlungsdienststellen in Hamburg, Rostock, Dortmund, Kassel und des Bundeskriminalamtes wurden via Datenleitung performant angebunden, so dass diese einzelnen Sokos und Ermittlungsgruppen dezentral am zentralen Datenbestand bei der BAO in Nürnberg operativ arbeiten können.

Neben diesen vor allem der Öffentlichkeit bekannten Großverfahren waren es jedoch Dutzende weitere Verfahrenskomplexe, die bewältigt wurden. Oft ist der Einsatz der Sachbearbeiter und Auswerter ähnlich hoch wie bei diesen Highlights, bleibt jedoch der Öffentlichkeit weitestgehend verborgen. Vor allem im Bereich des Staatsschutzes hat EASy eine nicht mehr weg zu denkende Bedeutung erlangt. Dies trifft sowohl für den "traditionellen" Bereich wie Extremismus Rechts und Links als auch vor allem für den Bereich des radikalen terroristischen Islamismus zu. EASy ist dabei sowohl als Fallbearbeitungssystem als auch als zentrales Recherche- und Auswertesystem eingesetzt.

Task force

Einer der Schlüssel zum Erfolg von EASy ist die Beibehaltung einer Organisation zum fachlichen Betrieb der Anwendung. Ob dies in Form einer Projektgruppe oder im Rahmen der allgemeinen Aufbauorganisation geschieht, ist dabei unerheblich. In Bayern ist diese Organisation ca. zehn Mitarbeiter stark, bei der Ermittlungsabteilung des BLKA angesiedelt und war von je her mit EASy als Projektgruppe beschäftigt. Neben den klassischen Aufgaben des fachlichen Betriebes wie Schulung und Ausbildung, Weiterentwicklung, IT-Verfahrensverantwortung und fachlicher Support wurde eine Art "Task force" aufgestellt. Aus der Organisation EASy (sehr unbürokratische Anforderung - Anruf genügt) kann jeder sofort zum "Unterstützungsfall" ausrücken. Dabei wird in komplexen Verfahren, bei neu einzurichtenden Sokos oder Ermittlungsgruppen die jeweilige Führung beraten. Der optimale Einsatz des Systems wird dargestellt, die Ablauforganisation mitbestimmt und letztendlich werden die User eingewiesen und, falls erforderlich, kurz beschult und unterstützt. Darüber hinaus ist die PG EASy bei der Bewältigung der Massendaten (z. B. §§ 100 g, h StPO "nachträgliche Verbindungsdaten oder Funkzellendaten") behilflich und bereitet diese mit speziell dafür entwickelten und zu EASy kompatiblen Werkzeugen auf. Nicht nur die zahlreichen Dankesschreiben belegen den Erfolg eines solchen "Consultings".

IG Fall und Analyse

Neben Bayern haben sich zwischenzeitlich mehrere Bundesländer, das Bundeskriminalamt und die Bundespolizei für dasselbe System entschieden. Die jeweiligen Projektleiter der Länder und der Bundesbehörden schlossen sich zu einer Interessengemeinschaft zusammen. Ziel ist dabei vor allem, die Voraussetzungen für eine optimale Zusammenarbeit zu schaffen und Synergien zu nutzen. Es ist u. a. gelungen, dass die "rsCASE®-Länder" das selbe Datenmodell nutzen, in der Weiterentwicklung der Anwendung arbeitsteilig zusammenarbeiten, Schnittstellen zu Verbunddateien gemeinsam nutzen und Konzepte für den Betrieb gemeinsam erstellen.

Wo ist der Haken?

Wem dieser "Erfahrungsbericht" zu einseitig positiv ausfällt, dem sei gesagt, dass es durchaus auch eine "negative" Seite der Medaille gibt. Um all diese Erfolge zu gewährleisten, ist ein gehöriger Aufwand zu betreiben. Allein die Qualifizierung der Mitarbeiter, der technische und fachliche Betrieb und die zuletzt angesprochene Anwenderunterstützung in herausragenden Fällen bedarf einer entsprechenden Organisation und Personalaufwandes. Wenn aufgrund eines Netzwerkproblems einmal kurzzeitig die TKÜ-Übertragung "steht", gibt es auch durchaus einen "fluchenden" Kollegen. Die Anwendung selbst ist jedoch trotz der vielen Schnittstellen und der enormen Datenmengen stabil und performant. Dazu trägt nicht zuletzt eine professionelle Betriebs- und Supportstruktur bei. Die Qualität der Ergebnisse lohnt diesen Aufwand, weil unsere Bürger eine professionelle Polizei verdienen.

Quelle:Der Kriminalist Ausgabe März 2007 Autor: Gerald Eder EKHK Bayerisches Landeskriminalamt München



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